Länderfonds: China

vom 31.12.2003

Dieser Tage titelt eine Investmentgesellschaft in ihren Verkaufsmaterialien plakativ: "Hin und wieder bietet sich Anlegern eine einzigartige Gelegenheit. Heute und für die kommenden Jahre heißt diese Gelegenheit China.

Genau so, wie die Vereinigten Staaten in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts zu einem industriellen Kraftwerk wurden, genau so, wie neue Technologien in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts das Wachstum quer durch alle Industriebereiche und Kontinente beflügelten, genau so verändert der derzeitige Aufstieg Chinas die Weltwirtschaft".

Das nennt man "Vorschusslorbeeren"! Woher kommt die "Euphorie"? Schauen wir uns China einmal anhand einiger Zahlen an: 2003 wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 1,3 Billionen US-Dollar erreichen und damit im Verlauf dieses Jahres um 7,5% gestiegen sein. Für 2004 wird ein mindestens ebenso großes Wachstum erwartet. Zum Vergleich, Europa wird in diesem Jahr bei 1,1% liegen, mit Aussicht auf 2,3% im nächsten.

Tragende Säule des BIP in China ist mit einem 50% Anteil daran die Industrie und das Baugewerbe. China ist um die Verbesserung seiner Infrastruktur bemüht. Im Jahr 2002 wurden für Eisenbahnbau und U-Bahnstrecken, für neue Stromnetze, Talsperren und Kanalprojekte 200 Mrd. US-Dollar ausgegeben. Zur Zeit entstehen allein in Shanghai 2800 Wolkenkratzer. Experten schätzen, dass China heute mehr zum globalen Wachstum beiträgt als Japan, und dieser Hinsicht 2008 auch Europa überflügeln kann. Ende 2003 wird es in China 250 Mio. Handynutzer geben, 2007 erwartet man 450 Mio. Mit 52,7 Mrd. US-Dollar zog China im vergangenen Jahr die höchsten Auslandsinvestitionen weltweit an.

Dem gegenüber stehen auch andere Stimmen: Chinas Börsen seien labil, heißt es. Mangelnde Transparenz der gelisteten Unternehmen halte die Anleger in ständiger Nervosität. Von einem Feld für Spekulationen ist die Rede.

Anlass vieler kritischer Überlegungen ist auch die Frage, wie eine aufstrebende marktwirtschaftlich orientierte Industrie und damit verbundener Wohlstand mit Chinas totalitärem Regime und seinen Wertvorstellungen in Einklang gebracht werden soll. Beispielsweise achtet die Führung in Peking weiterhin streng darauf, dass internationale Investoren das Land nicht über Aktienkurse unter Druck setzen können.

Aus dieser Sorge und der besonderen Situation der ehemaligen Kronkolonie Hongkong heraus ergibt sich auch die ungewöhnliche Klassifizierung chinesischer Aktien. "A-Aktien" können nur chinesische Investoren an den Börsen Shanghai und Shenzhen in chinesischer Währung (Renminbi) handeln, "B-Aktien" sind für ausländische Investoren an den gleichen Börsenplätzen in US-Dollar vorgesehen. "H-Aktien" sind die Titel chinesischer Unternehmen, die in Hongkong gehandelt werden und "Red Chips" verkörpern noch einmal eine Sonderform der H-Aktien. Sie repräsentieren Hongkonger Unternehmen, die zu mehr als 30% im Besitz von Festlandchinesen sind. Schließlich gibt es noch "N-Aktien" chinesischer Unternehmen, die an der Wall-Street in den USA gehandelt werden.

Fazit: Es bedarf nicht erst der Argumente wie des Beitritts Chinas zur Welthandelsorganisation oder der Tatsache, dass Peking 2008 Gastgeber der Olympischen Spiele sein wird, um zu verstehen welches Potenzial in diesem Land schlummert.

Die Divergenz zwischen verkrusteter Staatsstruktur und aufstrebender Wirtschaftsmacht lässt die Risiken und potentielle Störfaktoren genauso schnell erahnen. Damit bleibt China als Investment auch mit 7,5% Wirtschaftswachstum p.a. das, was es ist: eine Depotbeimischung, die in größeren Portfolios in Form von Länderfonds 5% nicht übersteigen sollte, und in kleineren Depots über Regionenfonds Asien oder sogar weltweit investierende Schwellenländerfonds abgedeckt werden muß.

Speziell bei den Länderfonds ist zu berücksichtigen, ob es sich um "Greater-China" Fonds handelt oder spezialisierte Produkte, die sich einzelnen Segmenten wie z.B. Taiwan oder Hongkong verschrieben haben.

Kurzfristig erachten wir den Markt als etwas überhitzt. Einmalanlagen sollten nur bei ausreichend langem Anlagehorizont getätigt werden. Wer keine weiteren drei Jahre Anlagehorizont hat, könnte sich über zwischenzeitliche Gewinnmitnahmen Gedanken machen.

Sparpläne sind jederzeit sinnvoll, allerdings sollten die aufgebauten Positionen wie schon zuvor erwähnt, nicht den Charakter von Depotbeimischungen verlieren.

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