Regionen-Fonds Osteuropa

vom 03.11.2003

Vor ein paar Jahren hätten viele deutsche Privatanleger "Yukos" wahrscheinlich noch für einen "Schokoladenriegel" und "Sibneft" für einen "Haushaltsreiniger" gehalten.

Heute weiss der überwiegende Teil von ihnen, dass es sich um russische Ölkonzerne handelt, mit denen man "viel Geld verdienen konnte". Allerdings lässt die Rallye der letzten Jahre immer mehr antizyklisch denkende Investoren nachdenklich werden. Kann die Erfolgsgeschichte einfach so im Maßstab eins zu eins fortgeschrieben werden?

Derzeit haben die Anteilsinhaber von Osteuropa-Fonds, trotz des Rückschlags der aktuellen "Yukoskrise", noch viel Grund zur Freude. Der Wert russischer Aktien hat sich in diesem Jahr annähernd verdoppelt. Die Bonität russischer Anleihen wurde von einer bekannten Ratingagentur dieser Tage auf "Investment-Grade" hochgestuft. Die Wiederwahl Putins im nächsten Jahr gilt gerade durch die Verhaftung des Yukos CEO Khodorkovsky als gesichert, womit politische Stabilität assoziiert wird, etc.etc.

Interessanterweise kommentieren derzeit Vertreter jener Personengruppe den russischen Markt zurückhaltend, die ihn eigentlich in den schillerndsten Farben beschreiben müßten: Die Fondsmanager: Eine bekannte Fondsverwalterin spricht davon, das der "russische Markt den Höhepunkt überschritten hat", sie sieht "faire Bewertungen erreicht, die sich in den Kursen widerspiegeln". Ein anderer Osteuropa-Spezialist "sieht nur dann weitere ausländische Mittel nach Russland fließen, wenn die Märkte dort transparenter werden". Last but not least gibt ein reiner Russland-Fondsmanager zu, "dass der Markt übertrieben hat, und zunächst eine Korrektur zu erwarten sei".

Wie investieren die Fonds? Der überwiegende Teil der in Osteuropa investierenden Fonds setzt auf zwei Themenkomplexe. Zum einen die "Konvergenz-Story" in Zentraleuropa (Annäherung Polens, Tschechiens, Ungarn an Westeuropa und Aufnahme in die EU), zum anderen auf die "Rohstoffwette" Russland. War Russland bis vor etwa zwei Jahren in den meisten Fonds deutlich untergewichtet, kann der Anteil mittlerweile oft nicht mehr groß genug sein. Fast die Hälfte der verfügbaren Mittel der meisten Fonds ist derzeit dort investiert. Schon haben sich erste Länderfonds ausschließlich auf Russland konzentriert.

Das Anlageuniversum: Die Performanceerfolge der Fonds resultieren schon seit einiger Zeit weniger aus der Entdeckung "ungeschliffener Rohdiamanten" unter den osteuropäischen Aktiengesellschaften, sondern vielmehr aus den Gewichtungsverhältnissen inerhalb der Fonds. Die Frage lautet: "Wie viel "Konvergenz", wie viel Russland? Bei Russland muß besonderer Augenmerk dem Anteil der Rohstoffkonzerne im Portfolio gelten. Die erfolgreichsten Fonds dieses Jahres sind dort am stärksten investiert. Gleichzeitig resultiert daraus aber auch eine nicht zu unterschätzende Klumpenbildung (Risiko) in den Depots.

Insgesamt dürfte das von der Masse der Fondsmanager für interessant befundene Aktien-Universum in Osteruopa etwa 100 Titel umfassen. Angesichts der hohen Mittelzuflüsse in den Fonds müssen die Verwalter allerdings mit Rücksicht auf die Liquidität ihrer Investitionen das Universum auf etwa 50 Werte verdichten. Gerade die alten Hasen unter den Fondsmanagern können sich noch an den "Kino-Effekt" Mitte der 90er Jahre erinnern, als es "brannte", und alle Anleger durch den selben "Notausgang" das Moskauer "Börsenkino" verlassen wollten.

Um es ganz klar zu sagen, die Tage, in denen die osteuropäischen Märkte ein Geheimtipp waren, sind gezählt. Das heißt keinesfalls, dass mit einem Kollaps am Markt zu rechnen ist! Als Beispiel kann die Sberbank, die in Russland vergleichsweise eine Monopolstellung im Finanzsektor einnimmt, immer noch mit einem einstelligen Kurs-Gewinn-Verhältnis glänzen. Aber ein Großteil der Erwartungen der vor allem westlichen Anleger ist mittlerweile eingepreist und wartet auf Bestätigung seines Optimismus. Sollte an dieser Stelle enttäuscht werden, droht Ungemach. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, das auch Wirtschaftswunder einmal Unterbrechungen finden können: "Größte anzunehmende Unfälle" für Russland auf den mittlerweile erreichten Kursniveaus wären ein politisches Machtvakuum nach einem Ausfall Putins, oder ein erheblicher Abrutsch des Ölpreises. Beides steht nicht zu erwarten, zeigt aber, auf welch tönernen Füßen die derzeitige Euphorie steht.

Vor diesem Hintergrund empfiehlt es sich, ein bestehendes Osteuropa-Engagement zu prüfen und ggf. Gewinne mitzunehmen. Diese Entscheidung sollte vor allem mit Blick auf den verbleibenden Anlagehorizont getroffen werden. Die ganze Position zu veräußern scheint übertrieben, und sollte nur dann erwogen werden, wenn keine zwei Jahre Anlagedauer mehr verbleiben. Wer weitere fünf Jahre auf dem Zeitkonto mitbringt, bleibt investiert, setzt vor allem Sparpläne fort. Der Cost-Average-Effekt schützt vor größeren Pannen. Neu-Engagements Osteuropa mit Sparplänen sind ebenfalls unproblematisch und sogar interessant. Den Kauf größerer Einmalanlagen empfehlen wir jedoch bis nach einer Korrektur zunächst zurückzustellen. Andere Schwellenländer-Regionen, insbesondere Asien erscheinen hier aktuell interessanter.

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