Emerging Markets: Lateinamerika

vom 01.10.2003

Klassischerweise werden die Schwellenländer dieser Welt in drei große Regionen unterteilt: Osteuropa, Asien und Lateinamerika. Der afrikanische Kontinent hat mit Ausnahme der rohstoffreichen Industrienation Südafrika bis auf weiteres eher den Status einer wirtschaftlich noch zu entwickelnden Region. Von der Schwelle zur Industrienation ist man hier noch weit entfernt.

Lateinamerika geniesst gemeinhin den Ruf, aktuell die uninteressanteste der drei genannten Regionen zu sein. Die Anleger assoziieren in diesem Zusammenhang in höherem Maß Drogenkriege, Schuldenmoratorien und soziale Unruhen als eine interessante Investment-Perspektive. Muß sich aber der antizyklische Investor, der gegen den breiten Meinungsstrom anschwimmt, nicht um so mehr für diese Region interessieren? Wie sieht der lateinamerikanische Markt aus, welche Chancen und Risiken bietet er, und wer sollte sich dort engagieren?


Die "Investitions-Landkarte" der meisten Regionen-Fonds Lateinamerika fokussiert sich auf Brasilien, Mexiko und Argentinien. Dabei liegt auf der Börse Buenos Aires schon fast traditionell das geringste Gewicht. Aktien aus Chile, Ecuador, Kolumbien und Venezuela fungieren eher als zeitlich begrenzte Depotbeimischungen, die man aus Sicht der Fondsmanager schnell räumen können muß. Wie wichtig die Liquidierbarkeit dieser Titel ist, lernten Investoren beispielsweise in Venezuela, als Präsident Hugo Chavez mit Zwangsenteignungen drohte.


Brasiliens Stärke in der Region ist vor allem auf seinen Rohstoffreichtum (beispielhaft sei hier der große Öl-Wert Petrobras genannt) und vergleichsweise gut ausgebildete Arbeitskräfte zurück zu führen. Die mit der Wahl des Gewerkschaftsführers Lula da Silva zum Präsidenten verbundenen Ängste ausländischer Investoren haben sich bis heute nicht erfüllt. Entgegen den Befürchtungen, da Silva würde das Land in sozialistische Planwirtschaftsabgründe stürzen, hat er bisher keine Zweifel daran gelassen, dass er die soziale Gerechtigkeit Brasiliens mit Hilfe der Marktwirtschaft durchsetzen will. Er tritt für einen Abbau der Staatsschulden und eine Senkung der Inflationsrate ein und will die Zinsen in den nächsten Jahren unter 10 Prozent drücken. Nicht nur der Weltwährungsfonds (IWF) zeigt sich beeindruckt. Seit Anfang des Jahres konnte der Bovespa-Index vor diesem Hintergrund 30 Prozent zulegen. Es bleibt allerdings fraglich, wie lange da Silva die Sympathien seiner Landsleute auch dann weiter auf sich vereinen kann, wenn er erforderliche unpopuläre Entscheidungen treffen muss, um die dringend notwendigen Strukturreformen einzuleiten. Die Erfolge dieser Maßnahmen werden unter Umständen sehr lange auf sich warten lassen.


Mexiko profitiert in erster Linie von seiner geografischen Lage, als "nördlichstes Billiglohnland südlich der USA". Die Zugehörigkeit zur nordamerikanischen Freihandelszone "Nafta" hat die Anfälligkeit Mexikos für die in den letzten Jahren immer wieder gesehenen Krisen vermindert. Fondsmanager weisen z.B. darauf hin, dass bereits heute mehr als jeder zweite in den USA erworbene Fernseher in Mexiko hergestellt wird.


Argentinien, flächenmäßig zweitgrößtes Land in Südamerika, kämpft immer noch mit den Nachwirkungen der staatlichen Zahlungsunfähigkeit Ende des Jahres 2001. Mit dem neuen Präsidenten Nestor Kirchner sind diverse Hoffnungen verbunden. Er soll unter anderem mit dem IWF und ausländischen Schuldnern einen Lösungsweg für die ausstehenden Zinszahlungen und Tilgungen erarbeiten. Als problematisch erweisen sich für ausländische Investoren die Investitionskontrollen der argentinischen Regierung, die eine unkontrollierte Aufwertung des Peso unterbinden sollen. Erklärtes Ziel ist es, eine Mutation der Börse in Buenos Aires zum Spielball großer Spekulanten zu verhindern.


Fazit: In Lateinamerika-Fonds ist aktuell eine klare Konzentration auf Mexiko und Brasilien erkennbar. Nach den jüngsten Kursgewinnen an den entsprechenden Börsen drohen kurzfristig eher technische Korrekturen. Da es nicht zu den befürchteten Worst-Case-Szenarien kam, sind die Börsen kurzfristig besser als erwartet gelaufen. Nun steht allerdings zu erwarten, daß die Investoren erst einmal nachhaltige Reformen und ihre Ergebnisse abwarten, bevor sie sich stärker engagieren.


Aktien-Regionen-Fonds Lateinamerika drängen sich somit bis auf weiteres nicht auf. Wer global streuende Emerging Market Fonds hält ist hinreichend investiert. Eine Übergewichtung durch Beimischung eines spezialisierten Lateinamerika-Fonds empfielt sich aktuell nicht. Hier erscheinen vor allem asiatische Regionenfonds interessanter. Der langfristige Aufbau einer Position in größeren Depots über den Weg des Sparplans erscheint allerdings ratsam.

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