Deflation: Was ist das?

vom 02.06.2003

Unter Deflation versteht man das volkswirtschaftliche Szenario eines anhaltenden Preisverfalls, was i.d.R. mit Kauf- und Investitionszurückhaltung und einer steigenden realen Schuldenlast verbunden ist. Nun hat die Inflationsrate, die gewohntermassen den Verlust der Kaufkraft misst, selbst ein negatives Vorzeichen. Das bedeutet,. das Preisniveau aller Güter, und zwar nicht nur der neu hergestellten und gehandelten, sondern auch die Preise der vorhandenen Güter, etwa Immobilien, Aktien, alltäglicher Vermögensgegenstände fällt.

Auch der Goldpreis müsste bei einer lehrbuchmäßigen Deflation fallen. Hätte man nicht das Beispiel Japan für Augen, würde man die Gefahr einer Deflation wohl nur als volkswirtschaftliche Theorie abtun. Auf den ersten Blick mag die Vorstellung fallender Preise nicht schlimm sein, tatsächlich aber lähmt Deflation das Wirtschaftsleben mehr als eine überschaubare Inflation. Dass eine Deflation von nominell niedrigen Zinsen begleitet wird, ist Ausdruck der verzweifelten Versuche der Deflationsbekämpfung. Notenbanken versuchen mit niedrigen Leitzinsen die Geldschöpfung anzuregen. Dies gelingt allerdings bei Deflation nicht mehr, weil die Geschäftsbanken nicht "mitspielen" und die Kreditvergabe stark einschränken. Sie stecken angesichts eines wachsendes Berges fauler Kredite in einer "Kreditklemme". Den Kreditnehmern fällt die Tilgung zunehmend schwerer. Geld wird zunehmend knapper. Staat, Unternehmen und Privathaushalte sparen - und was der eine spart, fehlt dem anderen als Umsatz.

In dieser Deflationsmisere steckt Japan. Eine Ausweitung zu einem weltweiten Phänomen ist aber eher unwahrscheinlich. Vor allem die USA bekämpfen die drohende Deflation sehr entschlossen schon seit 2001. Die Notenbank unter Greenspan senkte die Leitzinsen in nie zuvor erlebtem Umfang und erhöhte die Geldmenge massiv. Die US-Regierung unter Präsident Bush erhöhte die Staatsausgaben drastisch und senkte trotzdem die Steuern, so dass jetzt wieder große Haushaltsdefizite entstehen. Der Krieg gegen den Irak passte ins Konzept (höhere Staatsausgaben), zumal ein niedriger Ölpreis der Weltwirtschaft wieder auf die Beine helfen sollte. Andere Rohstoffpreise zeigen eine steigende Tendenz, darunter Gold und Silber. Noch herrscht also keine Deflation, und Abwehrmaßnahmen sind noch viele denkbar. Selbst wenn die Geldschöpfung über die Geschäftsbanken stockt, verbleibt den Notenbanken die Möglichkeit, Vermögensgegenstände, vor allem in Form von Wertpapieren zu kaufen und damit mehr Geld in Umlauf zu bringen. Denkbar sind auch staatliche Niedrig-Zins-Kreditprogramme. Schließlich könnte der Staat die Steuern senken, seine Ausgaben erhöhen und sie "mit der Notenpresse" finanzieren. Die USA machen dies bereits. In Europa steht dem der Euro-Stabilitätspakt entgegen. Er wurde beschlossen, um das Gegenteil der Deflation zu bekämpfen. Dass sie einmal zum Problem werden könnte, glaubte damals kaum jemand. Und so wahrscheinlich, wie heute manche tun, ist sie tatsächlich nicht. Wer jetzt bei der Deflationsbekämpfung übertreibt, wird bald einem alten Gegner gegenübertreten müssen: der Inflation. Tröstlich nur, dass man in deren Bekämpfung mehr Erfahrung hat.

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