Börsenüberblick
vom 31.05.2004Kommentar zum Marktgeschehen.
„Sell in May and go away“ rät eine alte Börsenweisheit. Danach soll man Aktien im Mai verkaufen und erst (ein halbes Jahr) später wieder zu Aktieninvestments zurückkehren. Diese simple Regel hat sich oft als falsch erwiesen, entspringt sie doch dem Wunsch, das Jahr einfach in sechs gute und sechs schlechte Börsenmonate halbieren zu können. Statistisch gesehen sind die ersten und letzten Wochen eines Kalenderjahres überdurchschnittlich gut, während Rückschläge häufig im September und Oktober lagen. Wenn man überhaupt an einen „Saisonrhythmus“ glauben will, so häufen sich im Zeitraum Oktober zu November die Wendepunkte zum Besseren. Rechnet man ein halbes Jahr weiter, „landet“ man bei Mai als mutmaßlicher Wende zum schlechteren Sechs-Monats-Zeitraum. Das Argument der Statistiker „Ausnahmen bestätigen die Regel“ nützt wenig, weil man vorher nicht weiß, ob man sich in einem der häufigen „Ausnahmejahre“ befindet. Denn in vielen Jahren überlagern andere Einflussfaktoren den Saisonrhythmus. Oft gab es eine sogenannte „Frühjahrsrallye“ und der Kursanstieg setzte sich bis in den Sommer hinein fort. In diesem Jahr könnte aber der alte Saisonrhythmus wieder mal gelten: In den ersten Wochen setzte sich der Kursaufschwung des vergangenen Jahres noch fort, kam aber ab Februar allmählich zum Erliegen. Nach dem März brachte jetzt auch der Mai überall auf der Welt stärkere Kursrückschläge für Aktien. Der MSCI-Weltaktienindex fiel von über 800 Punkten noch im April auf neue Jahrestiefs unter 770 Punkten im Mai, der populäre Dow Jones Index fiel erstmals in diesem Jahr unter die psychologisch wichtige Marke von 10.000 Punkten, Stoxx-50 und Euro-Stoxx-50 unter 2.700 und der DAX unter 3.800 Punkte.
Steigende Zinsen, Ölpreise und die unsichere geopolitische Lage (Irak, Terrorismus) belasten die Aktienmärkte. Tatsächlich scheint den Besatzern die Lage im Irak immer mehr zu entgleiten, und der amerikanische Glaube, einen demokratischen Irak nach westlichem Muster installieren zu können, erweist sich als naiv. Statt der erhofften Entspannung beim Öl ist der Preis für das „schwarze Gold“ seit dem Angriff auf den Irak auf den höchsten Stand seit 1990 gestiegen (siehe dazu unten „Rohstoff-Investments“). Der gestiegene Ölpreis macht sich nicht nur an den Tankstellen bemerkbar. Wenn er längere Zeit hoch bleibt, leidet die ganze Wirtschaft: Herstellung und Transport vieler Güter verteuern sich aufgrund der steigenden Energiekosten. Das Geld fehlt dann für andere Ausgaben.
Als Begründung der Kursverluste an den Aktienmärkten werden aber auch die bevorstehenden Dämpfungsmaßnahmen in den USA und in China genannt. In beiden Ländern geht es darum, eine ungesunde Überhitzung der Wirtschaft zu vermeiden. Ausuferndes Wachstum würde zunächst viele Preise nach oben treiben und dann zu weiteren Fehlentwicklungen führen. So wie der Staat bei schwacher Konjunktur versucht die Wirtschaft zu beleben (siehe „Übrigens...“ vom 30.01.2004), ist es auch seine Aufgabe, zu starke „Ausschläge des Konjunkturpendels“ in die andere Richtung zu dämpfen. Dies geschieht durch Anhebung der Leitzinsen und restriktivere Kreditvergaben. Allerdings sollte man auch folgendes bedenken: Sowohl die USA als auch China sind langfristig auf Wirtschaftswachstum angewiesen, um schon heute erkennbare Probleme in den Griff zu kriegen. Deshalb können sie es nicht riskieren, den Konjunkturaufschwung gänzlich „abzuwürgen“. Außerdem kommt der Zinsanstieg diesmal nicht überraschend. Zumindest die Zinswende der US-Notenbank gilt als ausgemachte Sache. Die zehnjährigen US-Zinsen stiegen schon über 4,75 Prozent. Deutsche Anleihen erlitten weitere Kursverluste, sodass ihre Rendite bei zehn Jahren Laufzeit auf 4,4 Prozent stieg. Auch die Umlaufrendite erreichte mit über 4,0 Prozent den höchsten Wert seit Dezember.
Rohstoff-Investments
Allein die Ankündigung von Dämpfungsmaßnahmen in China (s.o.) hat zum Bruch des steilen Aufwärtstrends der meisten Rohstoffpreise geführt. Der bekannteste Rohstoff-Index, der CRB-Futures-Index (siehe „Übrigens...“ vom 29.11.2003), hatte erst vor wenigen Wochen den höchsten Stand seit 20 Jahren über 280 Dollar erreicht, fiel aber zuletzt etwas zurück. Auch der Markt für Edelmetalle beruhigte sich. Nach dem starken Anstieg und der anschließenden Korrektur nach unten stabilisierte sich der Preis für
Gold bei gut 375 Dollar pro Unze, Silber bei rund 5,70 Dollar. Die Stabilisierung der Edelmetallpreise reichte schon für eine Erholung der Goldminenaktien. Die Zahl der Gold- und Silberoptimisten ist auf den niedrigsten Wert seit Anfang 2001 gesunken. Damals begann die Kurserholung des Goldes.
Allein Öl befindet sich immer noch in seinem Aufwärtstrend: Ein Barrel der in der Nordsee geförderten Öl-sorte Brent verteuerte sich an den Spotmärkten (siehe unten „Stichwort“) auf über 38 Dollar, ein Barrel der Sorte Light Crude stieg an den Terminmärkten (siehe unten „Stichwort“) sogar über 41 Dollar. Der Ölpreis könnte noch weiter steigen, wenn es statt der erhofften Beruhigung im Irak auch noch zu einer Destabilisierung Saudi-Arabiens käme.
Preistreibend beim Benzin wirkt auch der Umstand, dass die Amerikaner ausgerechnet jetzt ihre geleerten Benzinlager auffüllen und ihre strategischen Reserven aufstocken. Gleichzeitig begann in den USA die Jahreszeit des erhöhten Benzinverbrauchs (die sogenannte „driving season“). Die relativ alten Raffinerien in den USA können alleine gar nicht genug Benzin herstellen, so dass die Amerikaner in den letzten Wochen auch in Europa Öl und Benzin kauften. Die Chancen stehen gut, dass es schon in den nächsten Wochen zu einer Beruhigung des Ölmarktes kommt und der Preis für Rohöl wieder unter 35 Dollar sinken wird.
Emerging Markets Report
Zu schweren Kursverlusten kam es in Indien. Schon während der mehrwöchigen Wahlen im größten demokratischen Staat der Welt litten die Aktienkurse unter der Unsicherheit. Die Befürchtungen bewahrheiteten sich schließlich: Der marktwirtschaftlichen Politik der bisherigen Regierung droht das Ende. Der überraschend deutliche Sieg der linksgerichteten Kongress-Partei von Sonja Gandhi führte zu panikartigen Verkäufen. Indische Aktien fielen auf ein Rekordtief, der Sensex-Index auf rund 4.500 Punkte. Der Crash bietet endlich eine Kaufgelegenheit für Indien-Fonds, wenn man grundsätzlich das Risiko eines asiatischen Länderfonds tragen will.
Hohe Verluste erlitt in den letzten Wochen auch der Aktienmarkt Koreas, in dem allerdings eher die Sorgen um die Weltkonjunktur zu Verkäufen führten, denn die Volkswirtschaft ist sehr exportabhängig und wird unter Dämpfungsmaßnahmen Chinas leiden. Dass der Staatspräsident das von der Opposition angestrengte Amtsenthebungsverfahren überstand, vermochte der Börse Seoul nicht zu helfen. Der KOSP-Index fiel erstmals in diesem Jahr unter 800 Punkte, der MSCI-Asien-Index unter 300 Punkte. Mittel- und langfristig orientierte Anleger können die Korrektur als (Zu-) Kaufgelegenheit für Asienfonds betrachten.
Mehr Zurückhaltung bleibt dagegen bei Osteuropafonds angebracht. Der MSCI-Osteuropa-Index fiel zwar auch von rund 190 unter 160 zurück. Mit dem jetzt erfolgten Beitritt zahlreicher osteuropäischer Staaten in die EU ist eine wichtige Phase des sogenannten „Konvergenz-Prozesses“ abgeschlossen. Die Angleichung der wirtschaftlichen Verhältnisse wird noch viele weitere Jahre benötigen. Die Kapitalmärkte haben weitere Fortschritte auf dem Weg zur Euro-Einführung schon antizipiert, sind also anfälliger für negative Überraschungen als für (ohnehin erwartete) positive Nachrichten. Der russische Aktienmarkt profitiert zudem von den noch weiter gestiegenen Weltmarktpreisen für Öl und Gas. Ein Investment in Osteuropa-Fonds hat sich als richtig erwiesen. Auf dem jetzigen Niveau erscheinen aber andere Emerging-Market-Regionen attraktiver.
Stichwort: Spot- und Terminmärkte
An den internationalen Waren- und Rohstoffbörsen werden die Märkte mit sofortiger Bezahlung und Lieferung als Spot-Märkte bezeichnet. Wenn das Verpflichtungsgeschäft und dessen Erfüllung zeitlich so nah zusammenfallen, wie dies technisch-organisatorisch möglich ist, spricht man auch von sogenannten „Kassageschäften“ (Insofern ist jeder „normale“ Kauf ein Kassageschäft).
Von Spot-Märkten im engeren Sinne ist im internationalen Rohölhandel die Rede, wenn an Handelsplätzen (z.B. Rotterdam) nicht vertraglich gebundene Rohölmengen meistbietend (z.B. an nicht konzerngebundene Raffinerien) verkauft werden. An den Rohstoffbörsen erwies sich die sofortige physische Erfüllung der Geschäfte durch Lieferung (z.B. von Agrarprodukten) aber als unmöglich, zumindest aber unpraktisch. So entstanden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts moderne Terminbörsen, an denen standardisierte Mengen und Qualitäten von Gütern „per Termin“ in der Zukunft gehandelt werden. Ein standardisierter Vertrag („Kontrakt“) wird deshalb „Future“ genannt. Dadurch wird das Verpflichtungsgeschäft von dessen physischer Erfüllung getrennt: Käufer und Verkäufer einigen sich zwar sofort auf einen Preis, Lieferung und Bezahlung erfolgen aber erst später, zu einem Termin in der Zukunft. Deshalb werden solche Geschäfte als „Termingeschäfte“ und die Börsen als „Terminmärkte“ bezeichnet. Die wichtigsten Orientierungsgrößen für Rohöl sind der Preis für ein Barrel der in der Nordsee geförderten Ölsorte „Brent“ am Spot-Markt in Rotterdam und der Preis für ein Barrel der Sorte „Light Crude“ am Terminmarkt („Future“) in New York. Weltweite Preisdifferenzen für ein Barrel Rohöl liegen nicht nur an den unterschiedlichen Qualitäten sondern vor allem an den unterschiedlich hohen Transportkosten.
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